Tafsir
Zu diesem Satz: "Wir werden sie Unsere Zeichen überall auf Erden und an ihnen selbst sehen lassen" ist z.B. noch folgendes zu bemerken: Heute ist die Bionik längst ein anerkannter Wissenschaftsbereich: Tausende Erfindungen hat diese Wissenschaft schon hervorgebracht. Der Holzwurm und der Tunnel unter der Themse. Von der Natur abzuschauen macht Sinn. Tiere und Pflanzen haben im laufe von Millionen Jahren perfekte Anpassungen an ihre Umwelt vollzogen. Nur das, was zum Überleben nützlich war, konnte sich durchsetzen. Auf diese Weise hat die natürliche Konkurrenz immer funktionellere und raffiniertere Verbesserungen hervorgebracht. Schon früh nützten Wissenschaftler die Methoden der Bionik. So ließ sich der Brite Marc Brunel Anfang des 19. Jahrhunderts durch die Bohrorgane von Holzwürmern inspirieren, mit dem diese selbst härteste Hölzer durchbohren. Seine Technik einer Gesteinsvortriebsmaschine nach Vorbild des Holzwurms ermöglichte die Grabung des ersten Tunnels unter der Themse (1825-41). Der Ingenieur Georges de Mestral konzipierte 1951 ein revolutionäres Verschlusssystem: den Klettverschluss. Sein Vorbild war die Klettfrucht der Distel. Die winzigen Haken des Klettverschlusses verhaken sich genauso mit den Schleifen des Gegenstücks wie die achtmal kleineren Häkchen der Kletten im Fell von Tieren und der Kleidung von Spaziergängern. Besonders viele Naturvorbilder gibt es im High-Tech-Sektor Fliegen. Gäbe es heute überhaupt Flugzeuge, Hubschrauber, Drachen- und Gleitfluggeräte, wenn wir nicht täglich Vögel, Blätter und Samen durch die Lüfte schweben sahen? Hubschrauber beispielsweise verwenden das Flugprinzip von Ahornsamen und Libellen: Drachen- und Segelflieger nützen die Auftriebkräfte der Winde, so wie es die Gleitsamen zahlreicher Pflanzen tun. Clement Ader war der erste Mensch, dem es gelang, mit einer motorisierten Maschine vom Boden abzuheben. Mit einem Fluggerät, dessen Form einer Fledermaus ähnelte, flog er etwa 50 Meter weit. Erfolgreicher war Otto Lilienthal, dessen Gleitflieger ebenfalls Fledermäuse imitierten. Sein Bruder Gustav kopierte indessen mit einem Schlagflügel-Flugzeug das Flugprinzip von Vögeln. Die Vorbilder für die Rumpform moderner Verkehrsflugzeuge schwimmen im Wasser und sind bekannt für ihre Schnelligkeit und Wendigkeit. Delphine haben eine besonders strömungsgünstige Körperform, die als Vorbild für die aerodynamische Außenform von Flugzeugen dienten. Ihre Nase wurde auch zum Vorbild für den Bug von Tankern, und nach dem Modell der reibungsarmen Delphinhaut wurde eine Spezialhülle entwickelt, mit der Schnellboote um fast 30 Prozent schneller werden konnen. Viele Ideen für Ingenieure schwimmen im Meer: Haie lieferten das Modell für die Konstruktion einer Kunststofffolie, durch die der Luftwiderstand von Flugzeugen gesenkt werden kann. Die Oberfläche ihrer Haut ist mit Schuppen überzogen, die eine Umströmung des Wassers erleichtern. Werden Airbus-Flieger mit einer künstlichen "Hai-Haut" überzogen, brauchen sie erheblich weniger Treibstoff. Viele Formen und Konstruktionen der Natur haben Architekten zu Ideen angeregt. So sind Bienenwaben ein Paradebeispiel dafür, wie man mit möglichst wenig Baumaterial eine stabile Struktur erzeugen kann. Die Wabenstruktur wird bei Kuppeln ebenso genutzt wie als Struktur für Kartone, Verbundmaterialien, Karosserien, Verkehrsreflektoren und Lautsprechermembranen. Wer einmal versucht hat, eine Auster zu knacken, weiß, wie stabil ein Muschelgehäuse sein kann. Die Stabilität der Jakobsmuschel wird durch die Wellenform ihres Gehäuses erzeugt. Da wellenförmige Materialien mehr Belastung aushalten, wird dieses Prinzip für Kuppeldächer ebenso angewandt wie für Wellblech-Konstruktionen. Sehr stabil sind auch die Stacheln von Igeln. Ihnen wurden moderne Träger-Konstruktionen (z.B. Pylon-Träger) nachempfunden. Warum kann eine Schlange einen Fels oder Stein nach oben schlangeln, ohne abzurutschen? Die Schuppen ihrer Haut sind so angeordnet, dass ein Gleiten in die eine Richtung erleichtert und in die andere erschwert wird. Sie besitzen also eine Art Schuppenbremse, die sie vor dem Zuruckrutschen schützt. Eine von der Schlangenhaut abgeleitete Klebefolie wird heute zur Beschichtung von Langlaufskiern verwendet und verschafft Skifahrern das Gleitgefühl einer Kobra. Auch Bäume dienen als Vorbilder für technische Innovationen. So fragten sich Wissenschaftler des Karlsruher Kernforschungszentrums, warum große Bäume bei starken Winden viel seltener abbrechen als Hochspannungsmasten. Das Ergebnis ihrer computerberechneten Studie: Das Geheimnis der Stabilitat von Bäumen liegt in der Spannungsverteilung. An den Stellen, die besonderen Belastungen ausgesetzt sind, werden dickere Jahresringe aufgebaut und so die Spannung auf mehr Holz verteilt. Deshalb sind die Stämme von großen Bäumen so dick. Fährt der Wind oben durch die Kronen, wirken die höchsten Belastungen am Stamm. Praktischer Ausfluss dieser Erkenntnisse: Mehr als 300 Bauteile, von der Kurbelwelle bis zur Dachstrebe, wurden von den Wissenschaftlern des Forschungszentrums bisher optimiert. Man musste nur ihre Form leicht nach Baum-Vorbild korrigieren. (Apotheken Umschau 9/97) Das große Buch der Bionik von Werner Nachtigall und Kurt G. Büchel beschreibt u.a. Techniken, die sich an der Schöpfung Allāhs orientieren. Dort erfährt man, dass auch auf die Hai-Schuppen haben sich findige Ingenieure besonnen, etwa bei Flugzeugen, die mit haiähnlichen Folien bezogen werden - um der Aerodynamik willen. (vgl. ferner KStA Nr. 292 vom 16. Dezember 2000).